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Leuthards Pläne für führerlose Züge verunsichern Fahrgäste

«Passagiere wollen einen Lokführer»

Der Bund möchte 11,5 Milliarden Franken unter anderem in die Automatisierung der Bahninfrastruktur investieren. Das könnte klassische Lokführer überflüssig machen. Doch diese glauben an das Weiterbestehen ihres Berufs.

Schweizer Städte platzen aus allen Nähten. Der Bund rechnet deshalb mit einer der Passagierzahlen auf dem Schienennetz in den kommenden Jahren – und möchte bis 2035 für 11,5 Milliarden Franken die Bahninfrastruktur ausbauen.

Zum Plan zählt auch die «Automatisierung im Bahnbetrieb» wie aus dem 100-Seiten-Dokument hervorgeht, das Verkehrsministerin Doris Leuthard (54) am Freitag in die Vernehmlassung schickte. Laut SonntagsBlick könnte dies das Ende der klassischen Lokführer bedeuten.

Müssen sich Lokführer nun einen neuen Beruf suchen?

Lokführer werden nicht verschwinden

«Es wird immer Leute vor Ort brauchen, um auf unerwartete Situationen wie technische Störungen und Unfälle zu reagieren», sagt der langjährige Lokführer und Präsident des Lokomotivpersonalverbands (LPV) Hans-Ruedi Schürch (50) zu BLICK. Vollautomatisierte Züge seien für offene Systeme wie das Bahnnetz Schweiz nicht ganz realistisch.

«In geschlossenen, lokal begrenzten Transportsystemen wie Tram- oder Metronetzen kann man automatisiertes Fahren besser handhaben. Im offenen Bahnnetz sind nur schon die höheren Geschwindigkeiten ein Problem sowie die bis zu 400 Meter langen Doppelstockzüge.» Müsse etwa solch ein Zug evakuiert werden, brauche es weiterhin gut geschultes Personal, um die Leute in Sicherheit zu bringen.

Verschmelzung von Lokführer und Zugpersonal

Hans-Ruedi Schürch (50) ist nicht sicher, ob es den Ausbau wirklich braucht.

Deshalb werde der Beruf des Lokführers nicht ganz verschwinden, sich aber im Zuge der Digitalisierung verändern. «Lokführer müssen in Zukunft viel mehr können», so Schürch. Sie müssen präsent sein und wissen, wie man in Notsituationen handelt. Dem pflichtet auch Giorgio Tuti (53) bei, Präsident der Verkehrspersonalgewerkschaft: «Es gibt wohl eine Verschmelzung der Berufsbilder des heutigen fahrenden Personals, also des Lok- und Zugpersonals.»

Auch für Zugpassagiere sei es rein psychologisch wichtig, einen Lokführer an Bord zu haben. «Bei uns verhält es sich wie im Flugverkehr: Ist kein Pilot mit an Bord, wollen die Leute nicht mitfliegen. Passagiere wollen einen Lokführer», so Schürch.

Digitalisierung darf uns nicht beherrschen

Doch ganz gleichgültig steht der langjährige Lokführer der Digitalisierung nicht gegenüber: «Diese Entwicklung macht mir Angst. Was macht man, wenn kein Personal da ist, das man fragen kann? Fortschritt ist gut, doch die Digitalisierung soll uns unterstützen – und nicht beherrschen», sagt Lokführer Schürch.

Den Wandel zur Automatisierung habe man allerdings schon lange absehen können: «Ich bin schon 30 Jahre Lokführer – und wie in anderen Berufen werden auch wir nicht von der Digitalisierung verschont. Vor einigen Jahren wurde Personal bei den Kontrolleuren abgebaut. Nun sind wir dran», sagt Schürch. Und stellt eine zentrale Frage: «Durch die Digitalisierung und den Trend hin zum Homeoffice sind künftig weniger Pendler unterwegs. Braucht es denn diesen Ausbau überhaupt?»

Schürchs Kollege vom Lokomotivpersonalverband, Marjan Klatt, stellt sich eine ähnliche Frage: «Ist ein führerloser Betrieb wirklich günstiger? Bringt die Digitalisierung überhaupt Einsparungen? Oder sind die Investitionen in die dafür nötige Technik höher?»

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Fünf Phasen der Automatisierung

Züge eignen sich besonders für die Automatisierung. Auch selbstfahrende Autos haben heute oft «falsche Schienen» programmiert, damit sie auf der Spur bleiben – zum Beispiel das führerlose Postauto, das durch Sitten kurvt.

Laut dem Internationalen Verband für öffentliches Verkehrswesen gibt es fünf Phasen der Automatisierung.

Stufe 0:

Normales Fahren auf Sicht, wie bei Tramchauffeuren üblich.

Stufe 1:

Der Lokführer hat die Kontrolle über den Zug, etwa über Abfahrt, Stopp, Türen etc. Einzelne Befehle können programmiert werden, etwa bei Signalen.

Stufe 2:

Die Fahrt erfolgt automatisch. Der Fahrer ist noch für Abfahrt, Stopp und Türen zuständig.

Stufe 3:

Es braucht keinen Lokführer mehr, sondern nur noch einen Zugbegleiter. Er hat noch die Kontrolle über die Türen.

Stufe 4:

Der Zug ist ohne Personal unterwegs. Über eine Leitstelle kann eingegriffen werden.


Artikel erstellt am: Freitag, 6. Okt. 2017, 16:47 Uhr
Zuletzt aktualisiert am: Freitag, 6. Okt. 2017, 17:06 Uhr