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Der Hintergrund der «WC-Geschichte»

Ein Berufsstand unter Druck

Manche Ideen verschwinden schneller, als sie entstehen. Und haben dann doch eine lange Nachwirkung. Es war eine Geschichte so richtig nach dem Gusto der Boulevard-Medien: «BLS-Lokführer sollen die Zugs-WCs bald selber leeren» titelte das Pendler-Blatt «20 Minuten» am 24. August. Ein «anonymer Lokführer» hatte die Zeitung über die Pläne unterrichtet, die bei der BLS seit längerer Zeit hinter den Kulissen ausgearbeitet wurden.

Unausgereifte Idee

René Knöpfel, Präsident des LPV BLS, der betroffenen Sektion des SEV-Unterverbands des Lokomotivpersonals, ist über die Hintergründe im Bild. Er hält klar fest: «Es geht nicht um Fäkalien, es geht um Wertschätzung.» Der massive Widerstand der betroffenen Lokführer führte beim Leiter Bahnproduktion zur Einsicht, dass es klüger wäre, auf die Neuerung zu verzichten.

Symbolhandlungen

Für Knöpfel steht ausser Frage, dass auf beiden Seiten viel Symbolisches mitspielte. Die Bahn möchte gerne die produktive Leistung der Lokführer steigern. Die Zeit zwischen der Ankunft beispielsweise mit der S1 in Thun und der Rückfahrt Richtung Freiburg könnte also «sinnvoll» oder eben produktiv genutzt werden. Also als Ersatz für das Berner Depot in der Aebimatt in Thun, Neuenburg und Burgdorf Ver- und Entsorgungsanlagen bauen und die Lokführer während der «Warte- zeit» gleich mit ein bisschen Entsorgungsarbeit beschäftigen.

Praktische Fragen ungeklärt

Und wie soll das praktisch gehen? Wo verstauen die Lokführer die Handschuhe, um nur ein kleines Detail zu nennen? Rennen sie künftig nach der Ankunft in Thun zu einer Schrankanlage, entnehmen die Handschuhe und einen Schmutzschutz (womöglich ein Wegwerfmodell aus Plastik?), gehen zurück zum Zug, manövrieren diesen vor und zurück und gehen dazwischen raus, um die Schläuche anzuhängen? Wurden sie dafür 4 Jahre lang ausgebildet? Ganz abge- sehen davon, dass die Zeit dafür zu knapp ist. Mithilfe einer zweiten Person auf dem Perron ginge es vielleicht. Und diese Leute gibt es, die eingesparten Weichenwärter beispielsweise, was wird aus denen? Und es gibt weitere offene Fragen: Wird für die Lokführer künftig eine Hepatitis-B-Impfung obligatorisch erklärt?

Die Lokführer fürchten, dass die WC-Leerung nur ein erster

Schritt wäre. «Müssen wir bis in zwanzig Jahren den ganzen Zug reinigen? Wir haben gar nicht anders gekonnt, als ein Zeichen zu setzen, ein Stoppsignal aufzustellen.», so Knöpfel.

Grosses Interesse der Belegschaft

Über 50 Mitglieder des LPV BLS folgten der Einladung zu einer Versammlung. Sie disku- tierten ihre Reaktion, angefan- gen bei einer Resolution und einer Unterschriftensammlung. Schliesslich konnte darauf verzichtet werden. Die Anlage in Thun wird zwar gebaut, jedoch wohl von Reinigungspersonal bedient. Doch Knöpfel sieht sich vor: «Aufgeschoben ist nicht aufgehoben», meint er. Das Unternehmen wird nach diesem missglückten Versuch nach anderen Möglichkeiten der «Produktivitätssteigerung» suchen – wie andere Unternehmen auch.


Artikel erstellt am: Mittwoch, 13. Sep. 2017, 11:49 Uhr
Zuletzt aktualisiert am: Mittwoch, 13. Sep. 2017, 13:40 Uhr