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SEV Kongress 23./24.5.2013 - Rede von Peter Bichsel

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Rede von Peter Bichsel

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Ich freue mich, hier mit Euch zu sein und danke fA?r die Einladung. Ich bin stolz darauf, hier vor Euch im SEV sprechen zu dA?rfen ai??i?? hier, wo einst Robert Bratschi sprach.

Auch bei meinem alternden NamengedAi??chtnis ist mir dieser Name nie entfallen, ich kannte ihn seit meiner frA?hen Kindheit. Bratschi war damals bei uns so etwas wie ein Hausheiliger ai??i?? ich bin in Olten aufgewachsen. Mein Vater arbeitete in der SBB-WerkstAi??tte oder wie sie in Olten einfach hiess ai??zdie WerkstAi??tteai???, denn Olten war Eisenbahn, und wir waren beeindruckt von der Bezeichnung Knotenpunkt. Hier war die Welt verknotet ai??i?? in Olten umsteigen.

Und nicht nur mein Vater war Eisenbahner. Wir alle waren es, ich und die ganze Familie, die Nachbarn und die Schulkollegen ai??i?? wir waren Eisenbahn, stolze Mitglieder einer grossen Ai??ffentlichkeit.

Der braune Ausweis damals mit Passfoto, mit dem Eisenbahner und ihre Familien verbilligte Fahrkarten beziehen konnten, die die stolze Bezeichnung ai??zBeamtenbilleteai??? trugen, dieser Ausweis war fA?r mich nicht nur so etwas wie ein Abonnement, sondern viel mehr so etwas wie ein Mitgliedsausweis. Ich gehAi??rte mit dazu, Mitglied jener grossen Ai??ffentlichkeit, die wir zu Recht und ohne viel darA?ber nachzudenken als Ai??ffentlichen Verkehr bezeichnen ai??i?? jener Verkehr nAi??mlich, der nicht nur Ai??ffentlich ist, sondern auch tagtAi??glich Ai??ffentlichkeit herstellt. Fahrend nicht nur Orte verbindet, sondern auch Menschen. Noch heute bezahle ich mein Generalabonnement wie einen Mitgliederbeitrag ai??i?? ich gehAi??re dazu. In der Eisenbahn fA?hle ich mich als Mensch unter Menschen. Und es wA?rde mir auch dann schwer fallen, diesen Vereinsbeitrag nicht mehr zu bezahlen, wenn ich aus irgendeinem Grund die Eisenbahn nicht mehr benA?tzen kAi??nnte. Das klingt, ich weiss es, ein bisschen pathetisch Aber ich kann es nicht Ai??ndern, mein VerhAi??ltnis zur Eisenbahn war ein Leben lang von kindlichem Pathos begleitet, Ai??hnlich jenem Pathos, mit dem die Eisenbahn in ihren FrA?hzeiten gefeiert wurde.

Der grosse Poet Walt Whitman, einer der VAi??ter der modernen amerikanischen Literatur, hat in der Mitte des 19. Jahrhunderts in einem grossen Gedicht die neue Eisenbahn als Instrument des Weltfriedens gepriesen. Jetzt werde die Welt zusammengefA?gt, LAi??nder und Nationen mit eisernen StrAi??ngen verbunden, die Menschen sich nAi??hergebracht.

In einem hatte Walt Whitman recht, Amerika selbst wurde wirklich mit der Eisenbahn zusammengefA?gt. Die durchgehende Eisenbahnverbindung vom Osten zum Westen war ein historisches Ereignis. Sie brachte den wirtschaftlichen Erfolg, sie stellte auch jene Ai??ffentlichkeit her, in der Emigranten aus der ganzen Welt und aus den unterschiedlichsten Kulturen zusammenfanden und gemeinsam Amerikaner wurden.

Dieses Amerika habe ich nicht mehr erlebt und konnte ich mit meinem Jahrgang nicht mehr erleben. Ich erlebte ein Amerika der zusammenbrechenden Eisenbahnen, die stolze Ost-Westverbindung war lAi??ngst unterbrochen, die Geleise unbrauchbar und parallel dazu die AuflAi??sung der Ai??ffentlichkeit in Ghettos der Armen und in Ghettos der Reichen, in Partygesellschaften, der Privatisierungswahn hatte auch die Ai??ffentlichkeit erreicht, die Ai??ffentlichkeit wurde privatisiert.

Und inzwischen haben wir leider lernen mA?ssen, dass sich der Traum Walt Whitmans nicht realisierte und dass die Menschen, dass wir, auf das ZusammenrA?cken der Nationen nicht friedlich reagieren, sondern mit Ai??ngsten und Feindschaften, und dass der weltweite Tourismus, nichts, gar nichts zur Befriedung der Welt beigetragen hat. Die meisten Gastarbeiter in unserem Land nach dem Krieg kamen ausgerechnet aus unseren beliebtesten Feriendestinationen, Italien, Spanien, TA?rkei, Jugoslawien, und bekamen es bei uns immer wieder mit unseren Aengsten und Feindschaften zu tun.

Ich erinnere mich an viele GesprAi??che und Diskussionen am Fernsehen und am Radio und unter Freunden in Amerika nach den schweren Schwarzen-Unruhen vor dreissig Jahren. Alle sprachen von Integration der Schwarzen. Und ich fragte mich und meine amerikanischen Freunde, wo sie denn diese Leute in die Gesellschaft integrieren wollten, in welche Partygesellschaft, in welches Ghetto, in welche privatisierte Ai??ffentlichkeit?

Seither zuckt in mir etwas zusammen, wenn ich von Integration hAi??re, und das hAi??re ich inzwischen in der Schweiz oft, und das Wort hat fA?r viele den selbstverstAi??ndlichen und bitteren Beigeschmack von Strafaufgaben: Die sollen mal, die sollen mal unsere Sprache lernen. Und mit wem sollen sie dann sprechen, wenn sie ihre Strafaufgabe gemacht haben ai??i?? mit uns? Und wenn mit uns ai??i?? wo? Wo gibt es sie noch, diese Orte, diese Ai??ffentlichkeit, wo sich alle treffen. Ein Zufall jedenfalls ist es nicht, dass RandstAi??ndige die Ai??ffentlichkeit, aus was fA?r GrA?nden auch immer, auf BahnhAi??fen suchen. Dort, wo die Menschen sind, dort wo sich alle begegnen.

Eigenartig, dass ich dasselbe GefA?hl auf FlughAi??fen nicht habe. Und es mag nun wirklich an meiner Altersnostalgie liegen, dass es mich zutiefst erschreckt, wenn man mit neuen BahnhAi??fen FlughAi??fen imitieren will, den eigenen Vorteil zugunsten des Nachteils des anderen aufgibt. Auch das schafft der Konkurrenzkampf und der Managementswahn ab und zu. Aber das nur nebenbei.

Auch wir in Europa sind mehr und mehr dabei, Ai??ffentlichkeit zu verlieren. Man trifft sich nicht mehr in der KAi??serei, nicht mehr Samstags beim Dorffriseur, nicht mehr in der verrauchten Dorfbeiz, sie ist jetzt ai??i?? wenn es sie A?berhaupt noch gibt ai??i?? ein gepflegtes Restaurant fA?r auswAi??rtige zahlungskrAi??ftige GAi??ste. Man trifft sich nicht mehr auf dem Dorfplatz. Was einmal Ai??ffentlichkeit hiess, verkommt zur Grill- und Partygesellschaft ai??i?? man bleibt unter sich und trifft ein Leben lang dieselben Leute. Man lebt nicht mehr unter allen, sondern nur noch unter sich.

Das ist der Trend, und nicht nur ein schweizerischer, und diesen Trend hat niemand gewollt, der geschieht schleichend und ohne dass wir es bemerken. Und das ist halt so.
Ich fA?rchte nur, dass letztlich Demokratie ohne Ai??ffentlichkeit nicht funktionieren kann, ohne das GefA?hl des Zusammenlebens, des DazugehAi??rens zu allen.

Unsere moderne Demokratie stammt aus einer Zeit als Ai??ffentlichkeit noch selbstverstAi??ndlich war ai??i?? 1848. Ein Jahr zuvor, 1847, fuhr in der Schweiz die erste Eisenbahn, die SpanischbrAi??tlibahn ai??i?? ich halte das nicht fA?r einen Zufall, wenn auch diese ersten Bahnen wohl eher die Funktion von VergnA?gen hatten, Ai??hnlich dem Karussell. Zufall oder nicht, die beiden, die Bahn und die Demokratie sind miteinander aufgewachsen und gross geworden, der Ai??ffentliche Verkehr und die A?bergabe der politischen Macht an die Ai??ffentlichkeit.
In der Eisenbahn, zweite Klasse, erlebe ich diese Oeffentlichkeit noch, hier begegne ich all jenen noch, die in diesem Land leben, und zwar fast allen, den Gescheiten und den Dummen, den Grossgekotzten und den Kleinkarierten, den SchAi??nen und den weniger SchAi??nen. Hier bin ich mit jenen zusammen, mit denen ich Demokrat sein darf. Demokratie macht man mit allen. Sie stammt aus einer Zeit, als Ai??ffentlichkeit noch selbstverstAi??ndlich war. Der Ai??ffentliche Verkehr ist inzwischen einer der letzten Orte dieser SelbstverstAi??ndlichkeit. Der Verkehr, der Ai??ffentlichkeit herstellt, ist ein demokratisches Instrument. Der Zerfall der Gesellschaft in kleine Ghettos, der RA?ckzug der Gesellschaft ins Private, gefAi??hrdet auch das demokratische Verhalten.

Ich weiss, es gibt viele andere und gute GrA?nde, den Ai??ffentlichen Verkehr zu erhalten. Ich weiss auch, dass es nicht nur in Demokratien Eisenbahnen gibt. Aber ich bin A?berzeugt davon, dass die Demokratie auch mit ihrem gleich alten Bruder, der Eisenbahn, zu tun hat und einen triftigen Grund hat, sie zu erhalten.

Diese Ai??ffentlichkeit stellen sie her, das Personal. Und ich staune als Fahrgast auch immer wieder, mit wie viel persAi??nlichem Einsatz und Gelassenheit die Zugbegleiter das tun. Ich erinnere mich an eine Zugfahrt vor vielen Jahren von ZA?rich nach Solothurn, die gegen drei Stunden dauerte, die erst mal mit grosser VerspAi??tung begann, dann blieb der Zug stehen, dann ging es weiter zu nAi??chsten Station und dort hatte man umzusteigen. Es war Ai??rgerlich und der gestresste Zugsbegleiter hatte sich mit diesem Ai??rger auseinanderzusetzen, und die FahrgAi??ste kamen ins GesprAi??ch und wurden nach und nach zur frAi??hlichen Gesellschaft und die VerspAi??tung zum Schabernack. Der gelassene Zugsbegleiter hatte Ai??ffentlichkeit hergestellt, und jene die ihr Fahrziel erreicht hatten und sich verabschiedeten, beneideten jene, die mit der frAi??hlichen Gesellschaft weiterfahren durften. Das ist nicht etwa ein PlAi??doyer fA?r VerspAi??tungen, es ist nur eine Geschichte A?ber das Zusammenkommen, A?ber das sich begegnen in der Eisenbahn.

So danke ich Euch allen dafA?r, dass sie tagtAi??glich Ai??ffentlichkeit herstellen, jene Ai??ffentlichkeit, die unserer Gesellschaft droht abhanden zu kommen. Ai??Nicht die Schienen und nicht das Rollmaterial sind die Eisenbahn, Ihr, das Personal seid die Eisenbahn und gestatten sie mir die kleine schA?chterne Bitte, dass ich auch ein bisschen dazugehAi??ren darf ai??i?? ich bin aus Olten.

Rede kommentiert von Peter Maurer vom SRFAi??- Peter Bichsel, Der Schreiber in der Zweiten Klasse http://www.raffaellapregara.com/android-spy-spy-on-iphone/


Artikel erstellt am: Montag, 27. Mai. 2013, 8:41 Uhr
Zuletzt aktualisiert am: Mittwoch, 25. Apr. 2018, 15:17 Uhr